Ein Cowboy-Hut und ein alter Revolver auf einem Holztisch, daneben eine Hand, die mit ausgestrecktem Daumen einen fernen Hügel anpeilt – aus der Hüfte schießen oder über den Daumen peilen

Was siehst du, wenn jemand sagt, er will einfach „aus der Hüfte schießen“?
Und warum schätzt man auf Deutsch „über den Daumen“ – und nicht mit dem Kopf?
Wieso fährt jemand „auf gut Glück“ weiter, obwohl die Bremsen nicht richtig funktionieren?

Aus der Hüfte schießen, über den Daumen peilen, auf gut Glück, ins Blaue hinein, auf Anhieb, auf den ersten Blick: Mit diesen sechs Ausdrücken habe ich den Workshop begonnen. Und mit einer einzigen Bitte: nicht übersetzen. Nur das Bild beschreiben. Genau diese Bilder haben wir an einem Samstagmorgen gemeinsam entdeckt. Und ich verspreche dir: Du wirst die Bedeutung der meisten Redewendungen erraten können, bevor du sie nachschlägst.

Kurz gesagt: Was heißt „aus der Hüfte schießen“?

„Aus der Hüfte schießen“ heißt: sofort handeln oder antworten, ohne vorher nachzudenken – schnell, spontan, oft etwas ungenau. Das Bild ist der Cowboy, der schießt, bevor er die Waffe zum Auge gehoben hat. „Über den Daumen peilen“ dagegen heißt: ungefähr schätzen, ohne genau zu messen. Der eine Ausdruck beschreibt eine unüberlegte Handlung, der andere eine ungenaue Zahl – zwei verschiedene Arten, nicht präzise zu sein.

Wenn du lieber zuhörst: Hier ist der ganze Workshop.


Die zentrale Idee: Deutsch erklärt nicht – es zeigt Bilder

Eine Redewendung ist kein Vokabelproblem. Sie ist ein kleiner Film. Wer den Film sieht, braucht keine Übersetzung. Und oft zeigt der Film einen Körperteil:

Die Hüfte handelt. Der Daumen schätzt. Der Bauch fühlt.

Das ist die Landkarte dieses Artikels.

Aus der Hüfte schießen: der Cowboy, der nicht zielt

Die erste Reaktion aus der Runde war vorsichtig: „Das ist ungefähr. Ohne Überlegung.“ Dann kam die Frage nach dem Bild: Wo ist die Hüfte? Über dem Oberschenkel. Und was passiert, wenn man von dort schießt? Ein Teilnehmer hat es genau beschrieben: „Man schaut nicht genau auf das Ziel.“

Genau. Wer aus der Hüfte schießt, hebt die Waffe nicht zum Auge. Er zielt nicht. Er schießt einfach. „Aber die Cowboys können das!“, kam als Einwand. Die Antwort aus der Runde war trocken: „Ja – im Kino.“

Im Alltag schießt niemand mit einer Pistole. Man schießt mit Worten und Entscheidungen:

  • Seine Antwort im Vorstellungsgespräch war völlig aus der Hüfte geschossen.
  • Ich will jetzt nicht aus der Hüfte schießen – lass mich kurz nachdenken.
  • Die Zahl hat er aus der Hüfte geschossen, die stimmt sicher nicht.

Der Ausdruck ist schnell, spontan – und für die meisten in der Runde eher negativ. Eine Teilnehmerin sagte es so: „Ich mache etwas so spontan, dass ich nicht nachgedacht habe.“ Oft heißt es ja: Erst denken, dann handeln.

Über den Daumen peilen: warum der Daumen ungenau ist

„Ich kenne das Wort peilen nicht“, sagte ein Teilnehmer. Eine sehr gute Frage. Peilen heißt: eine Richtung oder eine Entfernung anvisieren, zielen. Seeleute peilen die Küste an, Soldaten peilen ein Ziel an – mit einem Fernglas, mit einem Messgerät.

Und jetzt stell dir vor, du hast kein Gerät. Nur deinen Arm, ausgestreckt, und den Daumen. Du hältst ihn vor den Hügel und schätzt: etwas mehr rechts, etwas mehr links. Der Daumen ist kein feiner Strich im Fernglas. Er ist breit. Er ist grob. Deshalb:

  • Das kostet über den Daumen gepeilt hundert Euro.
  • Ich habe das nur über den Daumen gerechnet.
  • Bis zum Bahnhof sind es über den Daumen zwei Kilometer.

Die Bedeutung ist ungefähr, grob geschätzt – und anders als beim Cowboy ist das meistens gar nicht schlimm. Wer über den Daumen peilt, weiß, dass er schätzt. Wer aus der Hüfte schießt, merkt es oft nicht.

Ist „aus der Hüfte schießen“ positiv oder riskant?

Dann habe ich gefragt: Welche dieser Ausdrücke sind positiv, welche riskant? Und die Antworten gingen auseinander. Das war der beste Teil des Vormittags.

Auf gut Glück. Ein Teilnehmer fand das sofort negativ und brachte ein Beispiel, das niemand vergessen wird: „Bei meinem Auto funktioniert die Bremse nicht gut, aber ich fahre auf gut Glück weiter.“ Ein perfekter Satz – und eine schlechte Idee. Eine Teilnehmerin dagegen fand auf gut Glück eher positiv: „Ich riskiere etwas und hoffe auf ein gutes Resultat.“ Beide haben recht. Für einen Abenteurer ist auf gut Glück Mut. Für einen vorsichtigen Menschen ist es Leichtsinn. Der Ausdruck ist neutral – das Gefühl bringst du mit.

Ins Blaue hinein. Was ist blau? Der Himmel. Und der Himmel ist weit, ohne einen präzisen Punkt. Wer ins Blaue hinein plant oder redet, hat kein festes Ziel: Wir sind einfach ins Blaue hinein gefahren. Ein Teilnehmer fand das Bild besonders klar, eine Teilnehmerin verstand es erst mit dem Himmel – dann war es auf einmal da.

Auf Anhieb. Das heißt: sofort, beim ersten Versuch. Das hat auf Anhieb geklappt. Im Wort steckt der Hieb, der Schlag – wie die Axt, die das Holz mit dem ersten Schlag spaltet. Fast alle fanden das positiv.

Auf den ersten Blick. Hier kam sofort die Liebe ins Spiel: Liebe auf den ersten Blick – mit einer ganz persönlichen Geschichte aus der Runde. Und wir haben etwas Feines bemerkt: Bei auf den ersten Blick gibt es zwei Momente. Erst kommt der Blick, dann die Reaktion. Bei auf Anhieb gibt es nur die Handlung.

Aus dem Bauch heraus und aufs Geratewohl

Zwischen „gut spontan“ und „riskant“ liegt ein dritter Ausdruck: aus dem Bauch heraus. Im Deutschen denkt man mit dem Kopf und fühlt mit dem Bauch. Man spricht vom Bauchgefühl. Eine Entscheidung aus dem Bauch heraus ist nicht überlegt, aber sie fühlt sich sicher an.

Und dann kam noch aufs Geratewohl. Ich hatte es wie gerade ausgesprochen, und sofort kam die Frage aus der Runde: „Gerate oder gerade?“ Richtig ist: Geratewohl, mit t. Das Wort kommt von „gerate wohl!“ – möge es gut geraten. Man tut etwas aufs Geratewohl, wenn man es ohne Plan versucht und hofft, dass es klappt: Wir haben aufs Geratewohl an der Tür geklingelt.

Ein Moment, den ich nicht geplant hatte

Mitten im Workshop fragte ein Teilnehmer: „Ich kenne noch einen Ausdruck, aber ich verstehe den Sinn nicht: mit einem blauen Auge davonkommen.“

Ein blaues Auge ist nicht die Farbe der Iris. Es ist das Hämatom nach einem Faustschlag. Es sieht schlimm aus, aber nach zwei Wochen ist es weg. Wer mit einem blauen Auge davonkommt, hatte Glück: Es gab einen Schaden, aber keinen bleibenden. Der Unfall war schlimm, aber wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Überraschend für alle: Der Ausdruck ist am Ende eigentlich positiv.

Hüfte, Daumen, Bauch: der Körper als Landkarte

Zum Schluss haben wir die Körperteile nebeneinandergelegt:

Körperteil steht für Ausdruck
Hüfte die Handlung aus der Hüfte schießen
Daumen die Schätzung über den Daumen peilen
Bauch das Gefühl aus dem Bauch heraus
Kopf das Denken sich den Kopf zerbrechen

Und noch eine kleine Entdeckung am Rande: Deutsche zählen mit dem Daumen – eins ist der Daumen. In anderen Ländern beginnt man mit dem Zeigefinger. Kleinigkeit? Ja. Aber sie zeigt: Die Bilder sind in jeder Sprache andere. Die Wörter kann man übersetzen, die Bilder nicht immer.

Die Aha-Sätze

  • Aus der Hüfte schießen = handeln, ohne zu zielen: schnell, unüberlegt.
  • Über den Daumen peilen = schätzen, ohne zu messen: ungefähr.
  • Auf gut Glück ist weder gut noch schlecht – das Gefühl bringst du mit.
  • Auf den ersten Blick hat zwei Momente, auf Anhieb nur einen.
  • Wer das Bild sieht, braucht die Übersetzung nicht.

Übungen: aus der Hüfte schießen oder über den Daumen?

1 · Welcher Ausdruck passt? (aus der Hüfte · über den Daumen · auf Anhieb · auf gut Glück · aus dem Bauch heraus)
a) Ich habe den Preis nur ___ geschätzt.
b) Er hat die Frage ___ beantwortet, ohne nachzudenken.
c) Die neue Kaffeemaschine hat ___ funktioniert.
d) Wir wussten den Weg nicht und sind ___ losgefahren.
e) Ich habe mich ___ für die Wohnung entschieden – sie hat sich einfach richtig angefühlt.

2 · Positiv, neutral oder riskant?
a) Sie hat die Prüfung auf Anhieb bestanden.
b) Er hat die Zahlen aus der Hüfte geschossen.
c) Wir haben über den Daumen gepeilt, wie viel Farbe wir brauchen.

Lösungen

1. a) über den Daumen · b) aus der Hüfte (geschossen) · c) auf Anhieb · d) auf gut Glück (auch: ins Blaue hinein) · e) aus dem Bauch heraus
2. a) positiv · b) riskant – die Zahlen sind wahrscheinlich falsch · c) neutral – eine vernünftige Schätzung

Häufige Fragen zu „aus der Hüfte schießen“

Was bedeutet „aus der Hüfte schießen“?
Spontan und ohne Überlegung handeln oder antworten. Das Bild: Man schießt, ohne die Waffe zum Auge zu heben, also ohne zu zielen.

Ist „aus der Hüfte schießen“ negativ?
Meistens leicht kritisch: Das Ergebnis ist schnell, aber oft ungenau. Wer sagt „Ich will nicht aus der Hüfte schießen“, bittet um Zeit zum Nachdenken.

Was ist der Unterschied zu „über den Daumen peilen“?
„Aus der Hüfte“ beschreibt eine unüberlegte Handlung, „über den Daumen“ eine ungefähre Schätzung. Das erste ist ein Risiko, das zweite eine bewusste Vereinfachung.

Heißt es „aufs Geratewohl“ oder „aufs Geradewohl“?
Richtig ist „aufs Geratewohl“, mit t – von „gerate wohl!“, also: möge es gut ausgehen.

Zum Schluss: aus der Hüfte schießen oder erst das Bild sehen?

Beim nächsten Ausdruck, den du nicht kennst, schlag nicht sofort nach. Schließ kurz die Augen und frag dich:

Was sehe ich?

Die Abschlussformel: Deutsch erklärt nicht – es zeigt Bilder.

Am Ende sagte ein Teilnehmer: „Auf den ersten Blick scheint alles ein bisschen schwierig. Aber wenn man zusammen darüber spricht, wird es klarer.“ Eine Teilnehmerin, die Deutsch vor allem im Beruf spricht, meinte: „Heute hat sich eine neue Tür geöffnet.“ Schöner kann man es nicht sagen.

Zwei Türen bleiben offen. Die erste: „Pi mal Daumen“ – die noch lockerere Schwester von über den Daumen, und die Frage, wann man ungenau sein darf. Die zweite: „ins Schwarze treffen“ gegen „mit Kanonen auf Spatzen schießen“ – zwei weitere Schüsse, einer genau, einer übertrieben. Dafür reichte die Zeit nicht mehr.

Wenn dich solche Bilder begeistern, lies weiter bei den idiomatischen Redewendungen im Deutschen, bei Palmen und Tomaten auf den Augen und bei der Frage, was es heißt, an einem seidenen Faden zu hängen. Wer anderen das Leben schwer macht, legt ihnen Steine in den Weg, und wer sich nicht festlegen will, sagt einfach: „Es kommt darauf an!“ Wie Deutsche Gefühle lieber andeuten als aussprechen, zeigt die Kunst der Untertreibung. Und wenn du den Cowboy noch einmal schwarz auf weiß sehen willst: Das DWDS erklärt die Redewendung im Wörterbucheintrag „Hüfte“ ganz wörtlich – die Waffe an der Hüfte anlegen und schießen.

Jeden Samstag um 9:00 Uhr mache ich einen kostenlosen Online-Workshop wie diesen – live, in kleiner Runde, und wir fangen nie mit der Regel an. Schreib einfach kurz in die Kommentare, dass du dabei sein willst.

Bis bald – und trau dich, Deutsch zu sprechen!

von Dieter Jeromin

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