Zwei Kalenderblätter neigen sich zueinander wie zum Handschlag, ein einziges Feld leuchtet golden – einen Termin vereinbaren heißt: zwei Kalender, ein Ja.

Warum sagt man in Deutschland „Ich habe endlich einen Termin bekommen“ – als wäre er ein Geschenk?
Darf man eigentlich einen Termin „machen“ – oder muss man einen Termin vereinbaren?
Und warum klingt „Ich habe mich mit dem Zahnarzt verabredet“ nach einem Rendezvous?

Am Samstagmorgen haben wir im Workshop mit vier ganz gewöhnlichen Sätzen angefangen. Kein Regelkasten, keine Tabelle – nur vier Sätze, die jeder schon gehört hat. Und eine Frage: Was verrät jedes Verb über die zwei Personen?

Kurz gesagt: Einen Termin vereinbaren oder ausmachen heißt: zwei Kalender einigen sich auf Augenhöhe. Einen Termin festlegen, festsetzen oder vergeben heißt: eine Seite bestimmt – Chef, Arzt, Behörde. Einen Termin bekommen oder kriegen heißt: die andere Seite hat entschieden, du hast gewartet. Und einen Termin machen ist nicht falsch – es ist nur das eine Verb, das diese Beziehung verschweigt.


Die zentrale Idee

Hier ist sie, in einem Satz:

Das Verb neben „Termin“ nennt nie die Handlung – es verrät, wer über die Zeit bestimmt: beide, der andere oder du.

Deutsch hat für einen einzigen Vorgang – zwei Menschen finden eine Uhrzeit – eine ganze Leiter von Verben. Und jedes Verb ist eine kleine Auskunft über das Machtverhältnis zwischen zwei Kalendern.

Wer bestimmt, wenn wir einen Termin vereinbaren?

Die vier Sätze vom Samstag, reihum vorgelesen:

Satz Verb Wer bestimmt?
„Ich habe endlich einen Termin beim Hausarzt bekommen!“ bekommen der andere – du hast gewartet
„Ich habe den Termin auf Montag 9 Uhr festgelegt.“ festlegen du allein
„Wir haben ausgemacht, dass wir uns am Freitag treffen.“ ausmachen beide, auf Augenhöhe
„Termine werden ausschließlich online vergeben.“ vergeben die Institution

Im Raum hat es keine Minute gedauert, bis der erste Fund auf dem Tisch lag. Eine Teilnehmerin über den Hausarzt-Satz: „Ich kann nicht entscheiden – ich bekomme die Zeit als Entscheidung vom Arzt.“ Genau das ist es. Die Sätze verraten Rollen: ein Patient, eine Chefin, zwei Freundinnen, ein Amt. Niemand hat es gesagt – die Verben haben es gesagt.

Und das endlich im ersten Satz erzählt die Wartezeit gleich mit: Man bekommt einen Termin wie ein Geschenk, das man nicht selbst aussuchen durfte. Deshalb klingt „Ich habe endlich einen Termin bekommen!“ in deutschen Ohren völlig normal – der Kalender des Arztes ist eine höhere Instanz.

Wer die Fälle hinter diesen Sätzen auffrischen will: Dativ und Akkusativ im Gebrauch erklärt das Fundament.

Termin beim Arzt oder mit dem Kollegen?

Der zweite Fund des Vormittags – und er hat im Raum für ein echtes Aha gesorgt: Nicht nur das Verb, auch die Präposition zeigt das Machtverhältnis.

Drei Szenen: zwei Kalender auf Augenhöhe, ein großer Kalender über einem kleinen, eine Hand, die eine Karte von oben empfängt – Termin vereinbaren, festlegen oder bekommen.
  • Ich habe einen Termin beim Arzt. → sein Haus, seine Praxis, sein Kalender.
  • Ich habe einen Termin mit einem Kollegen. → zwei Kalender, gleiche Höhe.

Ein Teilnehmer hat es auf den Punkt gebracht: „Beim Arzt – wir sind nicht gleich. Mit einem Kollegen – wir entscheiden zusammen.“ Deshalb geht auch beides mit derselben Person: Ein Termin bei deiner alten Schulfreundin, die heute Direktorin ist und dir zwischen zwei Meetings Zeit einräumt – oder ein Termin mit ihr, wenn ihr euch als Freundinnen trefft. Die Präposition erzählt, als wer ihr euch begegnet.

Mini-Übung: vergeben – bei oder mit? Und ausmachen? (Die Lösung steckt schon in der Tabelle oben.)

Ist „einen Termin machen“ falsch?

Die Frage, für die viele Lernende schon einmal korrigiert wurden. Die Antwort vom Samstag: Nein – machen ist nicht falsch. Aber es ist besonders.

Formulierung Register
Können wir einen Termin machen? sagt jeder, jeden Tag – neutral, mündlich
Wir haben einen Termin ausgemacht. warm, mündlich, unter Bekannten
Wir haben einen Termin vereinbart. schriftlich, geschäftlich, offiziell

Eine Teilnehmerin sagte ehrlich: „Man kann machen sagen, wenn man nicht so gut Deutsch sprechen kann – es ist einfach.“ Und das stimmt – aber es ist nur die halbe Wahrheit, und die andere Hälfte ist die schönere:

Machen ist das einzige Verb der Reihe, das die Beziehung verschweigt. Deshalb versteht es jeder, überall. Und deshalb wirkt es im Brief zu flach: Wer schreibt, will zeigen, dass er die Beziehung kennt.

Ein Beispiel aus dem Workshop: „Ich mache einen Termin mit der Kanzlerin“ – da bleibt völlig offen, ob da ein Regierungschef spricht oder ein normaler Bürger. Erst vereinbaren (Augenhöhe) oder bekommen (von oben herab) würde es verraten. Machen löscht diese Zusatzinformation – im Gespräch praktisch, im Geschäftsbrief eine verschenkte Gelegenheit. Genau dieselbe Lektion wie bei wünschen und gratulieren vor einer Woche: Deutsch hat selten ein richtiges Wort, es hat ein richtiges Register.

Und kriegen? Bedeutet dasselbe wie bekommen, nur umgangssprachlicher: Ich habe endlich einen Termin gekriegt. Im Brief lieber bekommen – beim Abendessen kriegen. Es ist übrigens nicht auf Sachen begrenzt: Beim Tanzwettbewerb kann man auch die beste Tanzpartnerin kriegen – das hat am Samstag für Gelächter gesorgt.

Termin vereinbaren oder sich verabreden?

Jetzt der Satz mit dem roten Zeichen davor:

  • Ich habe mich mit Anna verabredet.
  • Ich habe mich mit dem Zahnarzt verabredet.

Der zweite Satz ist grammatisch perfekt – und trotzdem lachen Deutsche. Denn verabredet sind Gleiche, privat. Wer sich mit dem Zahnarzt verabredet, fährt mit ihm am Wochenende Fahrrad. Wer Zahnschmerzen hat, vereinbart einen Termin bei ihm – oder macht einen, ganz neutral. Eine Verabredung ist kein Termin: Sie hat kein Amt, keinen Chef und keine Wartezeit.

Merkhilfe: Der Termin gehört dem Kalender, die Verabredung gehört der Freundschaft.

Termin vereinbart – und dann? Bestätigen, verschieben, absagen

Ein Termin wird nicht nur geboren, er lebt. Der ganze Lebenslauf, wie wir ihn am Samstag an die Wand gebaut haben:

  1. vereinbaren – zwei Kalender sagen ja.
  2. bestätigen – ja, der Termin steht, ich komme wirklich.
  3. verschieben – morgen passt nicht; geht auch Mittwoch?
  4. absagen – ich kann nicht kommen, der Termin fällt aus.
  5. wahrnehmen / einhalten – ich komme tatsächlich, ich bin da.

Achtung, falscher Freund im eigenen Haus: einen Termin wahrnehmen hat nichts mit „bemerken“ zu tun. Ich kann den Termin leider nicht wahrnehmen heißt schlicht: Ich kann nicht hingehen. Ein Satz, den man in jeder deutschen Büro-Mail findet – und der ohne diese Lesart rätselhaft bleibt. Wie beim Prüfung machen, ablegen oder bestehen gilt: Das Alltagsverb und das Behördenverb sind selten dasselbe.

Die Aha-Sätze

  • Vier Sätze, vier Verben – und die Rollen hat niemand genannt: Die Verben haben sie verraten.
  • Wer bekommt, hat gewartet. Wer festlegt, bestimmt. Wer vereinbart, verhandelt auf Augenhöhe.
  • Auch die Präposition spricht mit: beim Arzt heißt sein Kalender, mit dem Kollegen heißt zwei Kalender.
  • Machen ist nicht falsch – es ist das Verb, das die Beziehung verschweigt. Im Brief wirkt genau das zu flach.
  • Verabredet sind Gleiche, privat. Beim Zahnarzt hat man einen Termin.
  • Ein Termin lebt: vereinbaren, bestätigen, verschieben, absagen, wahrnehmen.

Übungen: Termin vereinbaren, machen, bekommen

  1. Wer spricht – Patient, Chefin, Freundin oder Amt? „Der Termin wurde auf den 3. September festgesetzt.“
  2. Setze das passende Verb: „Die Sprechstundenhilfe sagt: Ich kann Ihnen für Donnerstag 14 Uhr einen Termin ___.“
  3. Richtig oder falsch: „Einen Termin machen“ ist grammatisch falsch.
  4. Welche Formulierung passt in eine geschäftliche E-Mail: machen, ausmachen oder vereinbaren?
  5. Korrigiere die Präposition: „Ich habe morgen einen Termin mit dem Arzt.“ (Er behandelt dich.)
  6. Warum lachen Deutsche über: „Ich habe mich mit dem Zahnarzt verabredet“?
  7. Was bedeutet: „Ich kann den Termin leider nicht wahrnehmen“?
  8. Was ist der Unterschied zwischen absagen und verschieben?
  9. Kriegen oder bekommen – welches gehört in den offiziellen Brief?
  10. Dein Chef sagt: „Mittwoch, 15 Uhr, Meeting – alle sollen da sein.“ Welches Verb beschreibt, was er getan hat?

Lösungen

  1. Ein Amt (oder ein Gericht) – festsetzen ist die härteste Von-oben-Form, und das Passiv versteckt den, der bestimmt hat.
  2. geben oder anbieten (auch: vergeben) – die Praxis sitzt oben: Sie gibt, du bekommst.
  3. Falsch – es ist völlig korrekt. Es ist eine Registerfrage: Machen verschweigt die Beziehung, mehr nicht.
  4. Vereinbaren – schriftlich-offiziell. Ausmachen wäre zu mündlich, machen zu flach.
  5. …einen Termin beim Arzt. – Sein Haus, sein Kalender. Mit ginge nur unter Kollegen auf Augenhöhe.
  6. Weil verabredet Gleiche sind, privat – es klingt nach einem Rendezvous. Richtig: einen Termin beim Zahnarzt vereinbaren.
  7. Ich kann nicht hingehen. Wahrnehmen heißt hier: den Termin tatsächlich nutzen – nichts mit „bemerken“.
  8. Verschieben sucht eine neue Zeit, der Termin lebt weiter. Absagen beendet ihn.
  9. Bekommen – kriegen ist Umgangssprache, im Gespräch völlig normal, im Brief zu locker.
  10. Festlegen (oder festsetzen) – einer bestimmt, alle anderen richten sich danach.

Häufige Fragen zum Termin vereinbaren

Ist „einen Termin machen“ falsch?
Nein. „Einen Termin machen“ ist korrektes, alltägliches Deutsch. Es ist nur das neutralste Verb der Reihe: Es verrät nicht, wer über den Termin bestimmt. In offiziellen Briefen wählt man deshalb „einen Termin vereinbaren“.

Was ist der Unterschied zwischen einem Termin und einer Verabredung?
Ein Termin ist institutionell oder beruflich: Arzt, Amt, Meeting. Eine Verabredung ist privat und findet zwischen Gleichen statt: Freunde, ein Date. Deshalb vereinbart man einen Termin beim Zahnarzt – und verabredet sich mit Freunden.

Heißt es ein Termin beim Arzt oder mit dem Arzt?
Beim Arzt. „Bei“ zeigt: Es ist sein Haus und sein Kalender. „Mit“ benutzt man unter Gleichen: ein Termin mit einem Kollegen.

Was bedeutet „einen Termin wahrnehmen“?
Zum Termin tatsächlich hingehen, ihn nutzen. „Ich kann den Termin nicht wahrnehmen“ heißt: Ich kann nicht kommen – es hat nichts mit „etwas bemerken“ zu tun.

Zum Schluss: Termin vereinbaren – der Merksatz

Vereinbart wird zu zweit. Festgelegt wird von oben. Bekommen wird unten.

Du wirst diese Verben ab jetzt überall hören – im Wartezimmer, im Büro, am Telefon. Und jedes Mal weißt du, was der Satz nebenbei erzählt: wer hier über wessen Zeit bestimmt.

Zwei Türen, die offen bleiben

Die erste: die ver-Familie. Vereinbaren, verabreden, verhandeln, sich vertragen – lauter Verben, in denen zwei Parteien zusammenkommen. Das Präfix trägt die Gegenseitigkeit; wer das einmal gesehen hat, rät bei vielen ver-Verben richtig.

Die zweite: der Termin als Schutzschild. Warum beendet „Ich habe leider schon einen Termin“ jedes Gespräch höflich, während „Ich habe keine Zeit“ beleidigt? Weil der Termin die Absage externalisiert: Nicht ich sage nein – der Kalender sagt nein. Ein Werkzeug für sich, und Stoff für einen eigenen Vormittag.

Komm dazu

Der Workshop findet jeden Samstag um 9:00 Uhr online statt – kostenlos, interaktiv, und mit genau dieser Art von Fragen. Kein Frontalunterricht: Die Regel kommt immer erst, wenn die Teilnehmer sie selbst gefunden haben.

Bis bald – und trau dich, Deutsch zu sprechen!

von Dieter Jeromin

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