Eine Tankstelle an einer Schweizer Landstraße in der Abendsonne, ein schwarzes Auto fährt vorbei, im Fenster eine Kinderzeichnung mit Riese und Igeln – Es geschah am hellichten Tag.

Was schaust du, wenn du Deutsch nicht nur lernen, sondern erleben willst – ohne dass es nach Unterricht klingt?
Kann ein Film von 1958 wie Es geschah am hellichten Tag heute noch spannend sein? Und warum hat der Schweizer Schriftsteller die Geschichte gleich danach noch einmal geschrieben – mit einem anderen Ende?

Am Samstag vor dem Workshop hat ein Teilnehmer einem anderen etwas empfohlen. Ich habe es aufgenommen, weil es genau meine Frage aus der Woche davor beantwortet: Was kann man mit Vergnügen auf Deutsch sehen oder lesen? Seine Antwort: ein Krimi, vorgestern auf YouTube gesehen, mit deutschen Untertiteln. Das Buch dazu will er jetzt lesen. Der Titel, wie er ihn aussprach: „Es geschah am heiligen Tag.“

Der Film heißt „Es geschah am hellichten Tag“ – und genau dieser kleine Versprecher ist der Grund, warum der Tipp hier steht. Dazu unten mehr.

Kurz gesagt: Es geschah am hellichten Tag ist ein Schweizer Kriminalfilm von 1958. Heinz Rühmann spielt den Kommissär Matthäi, Gert Fröbe den Mörder. Idee und Drehbuch stammen von Friedrich Dürrenmatt. Dürrenmatt war mit dem Film nicht zufrieden. Er schrieb im selben Jahr den Roman Das Versprechen – nach dem Filmskript, aber mit anderem Ende. Film und Buch sind das beste Paar, das ich Deutschlernenden ab B1 empfehlen kann: klares, langsames Deutsch der fünfziger Jahre auf der Leinwand, ein kurzer Roman in klarer Sprache dazu. Und dieselbe Geschichte zweimal – beim zweiten Mal versteht man schon alles.

Worum es in „Es geschah am hellichten Tag“ geht

Kommissär Matthäi von der Zürcher Kantonspolizei steht kurz vor seiner Abreise nach Jordanien. Da wird im Wald bei einem Dorf ein kleines Mädchen ermordet aufgefunden. Er bringt der Mutter die Nachricht – und verspricht ihr, den Mörder zu finden. Ein Hausierer wird verdächtigt. Er gesteht nach einem langen Verhör und erhängt sich in seiner Zelle. Für die Polizei ist der Fall damit abgeschlossen. Für Matthäi nicht.

Er steigt aus dem Flugzeug wieder aus. Seine einzige Spur ist ein Kinderbild, das das Mädchen vor seinem Tod gemalt hat: ein Riese, kleine Igel, ein Auto, ein seltsames Tier mit Hörnern. Matthäi mietet eine Tankstelle an der Landstraße von Zürich nach Chur. Dort stellt er dem Mörder eine Falle – mit einem Köder, der einem beim Zuschauen den Atem nimmt. Mehr verrate ich nicht. Hier der offizielle Trailer des Schweizer Verleihs filmo:


Filmplakat von Es geschah am hellichten Tag, 1958, mit Heinz Rühmann
Das Plakat von 1958. Uraufführung auf der Berlinale, gedreht in der Schweiz.

Der Film wurde 1958 auf der Berlinale uraufgeführt. Gedreht wurde in der Schweiz, Regie führte Ladislao Vajda. Das Drehbuch schrieben Hans Jacoby und Friedrich Dürrenmatt nach Dürrenmatts eigener Idee. Wer alles darüber wissen will: Es geschah am hellichten Tag bei Wikipedia.

Wer war Heinz Rühmann?

Heinz Rühmann, Porträt von 1946
Heinz Rühmann 1946. Foto: Roger Rössing, Deutsche Fotothek, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de.

Für Deutsche braucht dieser Name keine Erklärung. Für alle anderen: Heinz Rühmann (1902–1994) war der beliebteste deutsche Filmschauspieler des 20. Jahrhunderts. 1995 bekam er posthum die Goldene Kamera als größter deutscher Schauspieler des Jahrhunderts. Berühmt wurde er 1930 mit Die Drei von der Tankstelle. Unsterblich machte ihn die Komödie Die Feuerzangenbowle: Er spielt einen erwachsenen Mann, der noch einmal in die Schule geht. Nach dem Krieg zeigte er, dass er auch ganz anders konnte: Der Hauptmann von Köpenick – und eben Es geschah am hellichten Tag. Dort spielt er den stillen, hartnäckigen Kommissär Matthäi.

Für Lernende ist Rühmann ein Glücksfall. Er spricht ein sauberes, ruhiges Hochdeutsch, und jedes Wort ist zu verstehen. Er spielt nie lauter, als die Szene es braucht. Sein Gegenspieler Gert Fröbe – später der Goldfinger bei James Bond – ist das Gegenteil. Die beiden zusammen sind ein Kurs in deutscher Sprechweise.

Dürrenmatt, das Buch – und warum es anders endet

Friedrich Dürrenmatt, Porträt von 1989
Friedrich Dürrenmatt 1989 in Bonn. Foto: Elke Wetzig, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der Schweiz. Er gehört zu den großen deutschsprachigen Dramatikern des 20. Jahrhunderts: Der Besuch der alten Dame, Die Physiker, die Krimis Der Richter und sein Henker und Der Verdacht. Ich habe ihn einmal erlebt, an dem Tag, an dem er zu einem Seminar der Germanistik an der Universität Straßburg gekommen war: ein großer, schwerer Mann mit einem sehr wachen Blick, der den Studenten zuhörte, bevor er sprach.

Der Film hatte ihm nicht wirklich gefallen. Rühmann war ihm „zu bürgerlich, zu wenig von der Idee besessen“. Vor allem gefiel ihm nicht, dass der Mörder am Ende gefasst wird: Ist so ein Fall überhaupt realistisch? Also schrieb er noch 1958 den Roman „Das Versprechen“, auf der Grundlage seines eigenen Drehbuchs. Der Untertitel: Requiem auf den Kriminalroman. Im Film hat Matthäi Erfolg. Im Buch scheitert er an einem Zufall, den keine Logik vorhersehen konnte – und verliert darüber den Verstand.

Umschlag der Erstausgabe von Das Versprechen von Friedrich Dürrenmatt, 1958
Die Erstausgabe von 1958: „Requiem auf den Kriminalroman“.

Das ist der Grund, warum ich beides empfehle, in dieser Reihenfolge: erst den Film, dann das Buch. Der Film gibt dir die Geschichte, die Gesichter, die Stimmen. Das Buch gibt dir dieselbe Geschichte in kurzer, klarer Prosa. Gut 150 Seiten, im Präteritum erzählt, wie es die Prüfungen von dir verlangen. Und am Ende eine Überraschung, die du nur verstehst, weil du den Film kennst. Die Details zum Roman: Das Versprechen bei Wikipedia.

Übrigens wurde die Geschichte noch mehrmals verfilmt: 1997 fürs deutsche Fernsehen mit Joachim Król, 2001 in Hollywood als The Pledge mit Jack Nicholson, Regie Sean Penn. Die Hollywood-Fassung folgt dem Ende, das Dürrenmatt sich gewünscht hatte. Unser Teilnehmer hatte also recht: Es gibt die alte Variante und eine neue. Für Deutschlernende ist die alte die richtige.

Warum ist Es geschah am hellichten Tag gut zum Deutschlernen?

  • Das Tempo. Man sprach damals im Film langsamer und deutlicher als heute. Für das Ohr eines Lernenden ist das ein Geschenk.
  • Die Untertitel. Unser Teilnehmer hat den Film auf YouTube gesehen, mit deutschen Untertiteln – lesen und hören gleichzeitig, wie im Workshop. Offiziell dort: der Trailer und eine 18-minütige Featurette mit fünf Filmfakten, beide vom Schweizer Verleih filmo. Den ganzen Film gibt es auf DVD und bei den üblichen Streamingdiensten.
  • Die Geschichte zweimal. Wer den Film kennt, liest das Buch mit einem Vorsprung. Man weiß, wer wer ist, und kann sich ganz auf die Sprache konzentrieren. Das ist dieselbe Idee wie beim Wiederholen statt wieder lernen.
  • Ein Versprechen. Der ganze Roman hängt an einem einzigen Satz, den Matthäi der Mutter sagt: Ich verspreche es Ihnen. Was wiegt ein Versprechen im Deutschen – geben, halten, brechen? Hier steht die Antwort in Romanlänge.

Die Sprach-Ecke: heilig, hellicht, geschah

Zurück zum Versprecher vom Samstag. „Es geschah am heiligen Tag“ – das wäre ein Feiertag. Der Film heißt am hellichten Tag. Hellicht ist ein altes Wort für ganz hell, und am hellichten Tag heißt: mitten am Tag, wenn alle es sehen können. Genau darum geht es im Titel – ein Verbrechen im vollen Licht, nicht in der Nacht. Seit der Rechtschreibreform schreibt man das Wort mit drei l: am helllichten Tag (hell + licht). Der Filmtitel behält die alte Schreibung. Wer beim Hören zwischen heilig und hellicht schwankt, ist in guter Gesellschaft. Die beiden Wörter unterscheiden sich nur durch einen Vokal. Um genau solche kleinen Unterschiede ging es am selben Vormittag im Workshop über Wörter oder Worte.

Es geschah ist das Präteritum von geschehenes geschieht, es geschah, es ist geschehen. Dieses Verb begegnet dir in jedem Roman. Im Alltag lebt es fast nur noch in der Formel Was ist geschehen? Und der Hausierer ist der Mann, der von Tür zu Tür geht und Kleinigkeiten verkauft. Das Wort ist mit dem Beruf verschwunden – im Film ist es noch ganz lebendig.

Häufige Fragen zu Es geschah am hellichten Tag

Wo kann ich „Es geschah am hellichten Tag“ sehen?
Der Film von 1958 ist auf DVD erhältlich, bei Streamingdiensten und regelmäßig im deutschen Fernsehen. Auf YouTube stehen der offizielle Trailer und eine Featurette des Verleihs filmo. Für Lernende ist eine Fassung mit deutschen Untertiteln die beste Wahl.

Ist „Das Versprechen“ schwer zu lesen?
Nein. Der Roman ist kurz und die Sätze sind klar. Die Geschichte kennt man aus dem Film schon. Ab B1 mit Wörterbuch, ab B2 ohne. Das Ende unterscheidet sich vom Film – das ist gewollt.

Was ist der Unterschied zwischen Film und Buch?
Der Film (1958) lässt den Kommissär Erfolg haben. Das Buch (ebenfalls 1958) lässt ihn an einem Zufall scheitern; Dürrenmatt nannte es ein Requiem auf den Kriminalroman. Die Hollywood-Fassung The Pledge (2001) folgt dem Buch.

Und du?

Der Tipp kam aus dem Workshop – von einem Lernenden für einen anderen. Was hast du zuletzt auf Deutsch gesehen oder gelesen, das dich nicht losgelassen hat? Schreib es in die Kommentare. Die besten Empfehlungen landen im nächsten Artikel.

Und wenn du live dabei sein willst: Der Workshop findet jeden Samstag um 9:00 Uhr online statt. Kostenlos, interaktiv, mit genau solchen Gesprächen vor und nach der Stunde.

Bis bald – und trau dich, Deutsch zu sprechen!

von Dieter Jeromin

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