
„Die Miete ist um 80 Euro gestiegen.“
„Die Miete ist auf 950 Euro gestiegen.“
Um oder auf gestiegen – dieselbe Wohnung, derselbe Monat, dasselbe Verb. Und nur einer der beiden Sätze sagt dir, was du überweisen musst.
Am Samstagmorgen habe ich diese zwei Sätze an drei Teilnehmer gegeben und gefragt, was der Unterschied ist. Die Antwort kam schneller, als ich dachte – und sie kam in der Form, in der solche Antworten immer kommen: als Gefühl, noch ohne Worte. Genau darum geht es in diesem Artikel.
Kurz gesagt: um oder auf gestiegen – was ist der Unterschied?
„Um“ nennt den Abstand zwischen vorher und nachher: wie weit es gegangen ist. „Auf“ nennt den Punkt, an dem es jetzt steht: wohin es gegangen ist. Deshalb sagt „um 80 Euro gestiegen“ nichts darüber, was die Miete kostet, und „auf 950 Euro gestiegen“ nichts darüber, wie stark sie erhöht wurde. Beide Sätze sind wahr, und jeder verschweigt die Hälfte.
Die zentrale Idee: eine Zahl, zwei Rollen
Die meisten Grammatiken behandeln um und auf als zwei Präpositionen, die man auswendig lernt. Das ist der Grund, warum es nicht hängen bleibt. Es sind nicht zwei Vokabeln – es ist eine einzige Frage, die du an jeden Satz stellen kannst:
Ist die Zahl der Weg – oder das Ziel?
Fang zu Hause an, da ist es am leichtesten:
- Ich stelle die Heizung um zwei Grad höher. → Ich weiß, wie viel wärmer. Ich weiß nicht, wie warm.
- Ich stelle die Heizung auf 21 Grad. → Ich weiß, wie warm. Ich weiß nicht, wie viel wärmer.
Im Workshop habe ich die Teilnehmer gebeten, beides mit der Hand zu zeigen, ohne zu sprechen. Bei um fährt die Hand eine Strecke. Bei auf zeigt ein Finger auf eine Marke. Niemand musste das erklärt bekommen; die Hände wussten es vorher.
Warum „um oder auf gestiegen“ zwei verschiedene Geschichten erzählt
Dieselbe Bewegung, dreimal, mit denselben zwei Präpositionen:
| mit um – der Weg | mit auf – das Ziel |
|---|---|
| Wir verschieben das Treffen um eine Woche. | Wir verschieben das Treffen auf Montag. |
| Der Preis ist um zehn Euro gestiegen. | Der Preis ist auf 60 Euro gestiegen. |
| Die Wartezeit hat sich um zehn Minuten verlängert. | Die Wartezeit ist auf 30 Minuten gestiegen. |
Mini-Übung. Sag laut, was du bei jedem Satz nicht erfährst. Bei der linken Spalte: den Stand. Bei der rechten: den Weg.
Das Spiel der Statistik: um oder auf gestiegen in der Zeitung
Jetzt wird es interessant, denn diese kleine Wahl gehört nicht der Grammatik. Sie gehört dem, der schreibt.
Eine Tatsache: Die Monatskarte kostete 50 Euro. Jetzt kostet sie 60 Euro.
Drei Schlagzeilen, alle drei wahr:
- „Monatskarte um 20 Prozent teurer!“
- „Monatskarte um 10 Euro teurer“
- „Monatskarte kostet jetzt 60 Euro“
Im Workshop habe ich gefragt: Welche druckt der Verkehrsverbund, welche die Opposition, welche eine Zeitung, die nur informieren will? Die Runde war sich schnell einig – und sie hatte recht. Wer den Anstieg groß aussehen lassen will, nimmt die Prozente. Wer ihn klein halten will, nennt den Stand. Die Zeitung nennt die Zahl, die man überweisen muss.
Und dann der Satz, der aus einem echten Lehrbuch stammt:
„In drei Jahren ist die Zahl der Praxisbesuche um rund 10 Prozent gestiegen.“
Was wissen wir jetzt – und was nicht? Wir wissen die Bewegung. Wir wissen nicht, wo sie angefangen hat, und nicht, wo sie angekommen ist. Zehn Prozent von zwanzig Besuchen am Tag sind zwei. Zehn Prozent von zehntausend sind tausend. Der Satz ist wahr und er ist fast leer.
Das ist kein Sprachfehler, das ist eine Entscheidung. Wer berichtet, wählt, was du siehst.

Warum sagt man „um einen Kopf größer“, aber nie „auf einen Kopf größer“?
Hier hört jede Bewegung auf, und um bleibt trotzdem:
- Er ist um einen Kopf größer als ich.
- Sie ist drei Jahre älter als ihr Bruder.
- Das Brett ist um drei Zentimeter zu lang.
- Sie sieht um vieles jünger aus als ihre Schwester.
Niemand steigt hier, niemand verschiebt etwas. Und doch steht um. Eine Teilnehmerin hat im Workshop nicht lockergelassen, bis der Grund auf dem Tisch lag – und er ist einfach: Ein Vergleich hat kein Ziel. Er hat zwei Dinge und den Abstand dazwischen, sonst nichts. Auf braucht einen Punkt, auf den man zeigen kann.
Deshalb wird es sofort möglich, sobald ein fester Wert im Spiel ist: Er ist auf 1,80 Meter gewachsen. Da gibt es einen Punkt. „Ein Kopf“ ist keiner.
Und noch etwas: Beim Vergleich darf um wegfallen – drei Jahre älter, einen Kopf größer sind beide völlig korrekt. Auf kann nicht wegfallen, weil es dort gar nicht erst hingehört.
Mini-Übung
Versuche, diese Sätze mit auf zu bilden. Es wird nicht gehen – und das Gefühl dafür, warum es nicht geht, ist genau das, was du hier lernst.
„Gestiegen worden“? Der Fehler, den fast alle machen
Diesen habe ich nicht geplant. Er kam zweimal aus der Runde, von zwei verschiedenen Leuten:
✗ „Der Preis ist um zehn Euro gestiegen worden.“
✓ „Der Preis ist um zehn Euro erhöht worden.“
Steigen hat kein Passiv. Es ist intransitiv: Was steigt, steigt von selbst. Erhöhen dagegen braucht jemanden, der erhöht.
Der Preis steigt. (niemand ist schuld)
Der Preis wird erhöht. (jemand hat entschieden)
Und jetzt wird es schön, denn das ist dasselbe Spiel eine Etage höher: Eine Preiserhöhung, die „ist gestiegen“ heißt, hat die Verantwortung schon abgegeben, bevor der Satz zu Ende ist. Achte in den nächsten Tagen darauf, welches der beiden Verben in den Nachrichten steht.
Beides in einem Satz: von … auf … und um … auf …
Ein Teilnehmer hat den Punkt von selbst gefunden. Drei Formen, dieselbe Kinokarte:
- „Die Kinokarte ist um zwei Euro teurer geworden.“ → nur der Weg.
- „Die Kinokarte ist von 10 auf 12 Euro gestiegen.“ → Start und Ziel; den Weg rechnest du selbst.
- „Die Kinokarte ist um zwei Euro auf zwölf Euro gestiegen.“ → alles auf einmal.
Die letzte Form ist die vollständige, und sie ist die Form, an der man guten Journalismus erkennt. Die Reihenfolge ist fest: erst um, dann auf.
Ob etwas um oder auf gestiegen ist, funktioniert nach unten genauso – nur die Verben wechseln: sinken, zurückgehen, abnehmen, fallen. „Die Mitgliederzahl ist um 50 auf 150 gesunken.“
Die Aha-Sätze zu um oder auf gestiegen
- Um misst den Abstand zwischen vorher und nachher – oder zwischen zwei Dingen.
- Auf nennt den Punkt, an dem etwas jetzt steht.
- Um verschweigt den Stand. Auf verschweigt den Weg. Von … auf … verschweigt nichts.
- Beim Vergleich geht nur um, weil ein Vergleich kein Ziel hat.
- Steigen passiert. Erhöhen tut jemand.
Übungen: um oder auf gestiegen
1 · Um oder auf?
a) Die Temperatur ist ___ sechs Grad gestiegen.
b) Stell den Ofen bitte ___ 180 Grad.
c) Wir verschieben die Sitzung ___ nächsten Dienstag.
d) Der Zug hat ___ zwanzig Minuten Verspätung.
e) Sie hat ihre Arbeitszeit ___ 30 Stunden reduziert.
f) Er hat den Preis ___ zehn Euro reduziert.
g) Er ist ___ zwei Jahre jünger als sie.
2 · Was ändert sich? Erkläre den Unterschied.
a) Die Miete steigt um 50 Euro. / Die Miete steigt auf 50 Euro.
b) Er hat um zehn Kilo abgenommen. / Er hat auf zehn Kilo abgenommen.
3 · Schreib die Schlagzeile. Der Strompreis lag bei 30 Cent, jetzt bei 36 Cent. Schreib drei wahre Schlagzeilen: eine mit um und Prozent, eine mit um und Cent, eine mit auf.
4 · Die volle Formel. Der Beitrag war 120 Euro, jetzt sind es 135. Schreib den Satz mit um … auf ….
Lösungen
1. a) um · b) auf · c) auf · d) um · e) auf · f) um · g) um
(bei d) und g) darf um auch wegfallen)
2. a) um 50 = sie wird 50 Euro teurer; auf 50 = sie beträgt jetzt insgesamt 50 Euro. b) um zehn Kilo = er hat zehn Kilo verloren; auf zehn Kilo = er wiegt jetzt zehn Kilo – unmöglich, und genau daran merkst du, welche Präposition gemeint sein muss.
3. „Strom um 20 Prozent teurer“ · „Strom um 6 Cent teurer“ · „Strom kostet jetzt 36 Cent“.
4. „Der Beitrag ist um 15 Euro auf 135 Euro gestiegen.“
Häufige Fragen zu um oder auf gestiegen
Kann ich „um“ immer weglassen?
Nein. Beim Vergleich und bei zu + Adjektiv ja (drei Jahre älter, zwei Zentimeter zu lang). Nach einem Verb der Veränderung nicht: „Die Miete stieg 80 Euro“ ist falsch.
Heißt „um 3 Prozent gestiegen“ dasselbe wie „auf 3 Prozent gestiegen“?
Nein, und der Unterschied kann gewaltig sein. Von 10 % auf 13 % sind es drei Prozentpunkte – aber dreißig Prozent mehr. Wer „um 3 Prozent“ schreibt, meint 10 % → 10,3 %.
Was ist mit „um 8 Uhr“?
Das ist ein anderes um – die Uhrzeit, ein Punkt, kein Abstand. Die Regel gilt nach einem Verb der Veränderung oder bei einer Abweichung.
Wie ist es in meiner Sprache?
Französisch trennt genauso: augmenter de 80 euros / passer à 950 euros. Englisch: by / to. Im Russischen ist на die Falle – es sieht aus wie auf und bedeutet um.
Zum Schluss: um oder auf gestiegen, in einer Frage
Die nächste Schlagzeile, die du liest, wird eine Zahl enthalten. Stell ihr eine einzige Frage, und du liest sie genauer als die meisten Muttersprachler:
Um – wie weit. Auf – wohin.
Zwei Türen bleiben offen, und beide lohnen sich. Die erste: Prozent oder Prozentpunkt – die schärfste Waffe im Spiel der Statistik, und die, mit der am häufigsten getrickst wird. Die zweite: „um das Doppelte“ oder „auf das Doppelte“ – da schwankt sogar die Presse, und eindeutig ist nur eine der beiden Formen.
Verwandt und lesenswert: „An Gewicht verlieren“ – das kleine Wort, das eine ganze Skala öffnet, „An oder neben?“ – die kleine Frage nach dem Ort und, wenn du bei den Zahlen selbst unsicher bist, Zahlen im Deutschen. Wer um und auf sicher hat, kann die Bedeutungen von „um“ im DWDS auch selbst nachschlagen – dort steht unter V.1 genau das, was wir im Workshop gefunden haben: um „bezeichnet den Unterschied (bei Maß-, Mengenangaben)“.
Jeden Samstag um 9:00 Uhr mache ich einen kostenlosen Online-Workshop wie diesen – live, in kleiner Runde, und wir fangen nie mit der Regel an. Schreib einen Kommentar, wenn du dabei sein willst.
Bis bald – und trau dich, Deutsch zu sprechen!
von Dieter Jeromin