Stell dir kurz vor, du erzählst deiner Großmutter, dass du gerade jemanden gegoogelt, etwas gepostet und danach noch eine Stunde gezoomt hast. Was glaubst du, wie sie reagiert?
Genau über diese Frage haben wir in unserem letzten Workshop bei Trau dich Deutsch gesprochen – und es wurde eine der lebendigsten Diskussionen seit Langem. Heute nehme ich dich mit in dieses Thema, denn wer Deutsch wirklich verstehen will, muss nicht nur Wörter lernen, sondern auch begreifen, wie neue Wörter überhaupt entstehen.
Schau dir die ganze Workshop-Aufzeichnung hier an
(Tipp: Schau das Video gerne nebenbei – im Artikel findest du die wichtigsten Erkenntnisse zum Nachlesen.)
Welche Wörter gab es vor 30 Jahren noch gar nicht?
Im Workshop habe ich meinen Teilnehmern zuerst eine ganz einfache Frage gestellt:
„Welches dieser Wörter gab es nicht, als ihr Kinder wart?“
Auf der Liste standen:
- googeln
- posten
- zoomen
- liken
- chatten
- streamen
- whatsappen
Wenzel meinte sofort: „Ich denke, alle diese Wörter sind in den letzten 20, 30 Jahren entstanden.“ Und er hat recht. Alles englische Wörter, die eingedeutscht wurden.
Vergleichen wir mal:
1980 sagte man:
- schreiben
- telefonieren
- fotografieren
2025 sagt man auch:
- texten
- zoomen
- posten
Spürst du den Unterschied? Die alten Verben sind typisch deutsch. Die neuen klingen … irgendwie anders. Aber warum entstehen plötzlich so viele neue Verben?
Warum entstehen ständig neue deutsche Verben?
Die Antwort kam direkt aus dem Workshop. Wenzel sagte sehr treffend:
„Weil viele Technologien weltweit verbreitet sind und wir englische Wörter benutzen. Und ein anderer Grund ist Trend oder Mode – die jüngere Generation verwendet mehr englische Wörter im Alltag.“
Adelgunde fügte hinzu, dass es bereits in den 60er Jahren mit dem Wirtschaftswunder angefangen hat. Schon damals kamen viele englische Ausdrücke ins Deutsche.
Heute geht das einfach viel schneller – wegen Internet, KI und sozialer Medien.
Wie funktioniert es eigentlich? Zwei einfache Muster
Im Workshop haben wir zwei Hauptmuster entdeckt, wie aus einem fremden Wort plötzlich ein deutsches Verb wird:
Muster 1: Marke → Verb
Aus einem Firmennamen wird ein Verb:
- Google → googeln
- Skype → skypen
- Zoom → zoomen
- WhatsApp → whatsappen
Muster 2: Englisch → Deutsch
Ein englisches Verb wird einfach übernommen und mit deutscher Grammatik benutzt:
- to chat → chatten
- to stream → streamen
- to post → posten
Klingt einfach? Ist es auch! Aber jetzt kommt der spannende Teil…
Warum sagen wir „googeln“, aber nicht „interneten“?
Eine richtig gute Frage, oder? Wenzel hat im Workshop sofort die Antwort gefunden:
„Google hat eine gute Suchmaschine, und viele Menschen benutzen Google, um Informationen zu finden. Deswegen benutzen wir googeln. Aber Internet ist zu allgemein.“
Genau das ist der Punkt: „googeln“ funktioniert, weil Google eine konkrete Tätigkeit beschreibt. „Interneten“ gibt es nicht, weil das Internet einfach zu groß und zu vage ist.
Adelgunde hat es schön formuliert: „Googeln ist eigentlich ein Synonym für recherchieren geworden.“
Welche Form klingt natürlich? Eine kleine Übung
Schauen wir uns an, was natürlicher klingt:
| Form | Klingt natürlich? |
|---|---|
| googeln | ✅ Ja, sehr |
| Google machen | ❌ Klingt komisch |
| Google benutzen | ✅ Möglich |
| Google anwenden | ❌ Eher nicht |
Warum? Weil das Deutsche es liebt, aus Substantiven Verben zu machen. Das ist ein zutiefst deutsches Sprachprinzip!
Die Familien moderner Verben
Im Workshop haben wir die neuen Verben in Gruppen sortiert. Vielleicht erkennst du dich in einer wieder:
Kommunikation
texten, chatten, posten, kommentieren, whatsappen, liken, abonnieren, entfolgen, taggen, mentionen
Recherche
googeln, recherchieren, screenshotten
Arbeit
zoomen, skypen, streamen, downloaden, uploaden, synchronisieren
Social Media
influencen, followen, entfollowen, swipen, scrollen, pinnen
Hast du gewusst, dass es zu uploaden auch eine schöne deutsche Variante gibt? Hochladen. Und für downloaden? Herunterladen.
Adelgunde sagte dazu sehr treffend:
„Ich versuche, deutsche Ausdrücke zu verwenden, weil unsere Sprache ist so ausdrucksstark.“
Sie hat absolut recht.
Welche Wörter werden bleiben – und welche verschwinden?
Das war die spannendste Diskussion im ganzen Workshop. Schauen wir uns drei Beispiele an:
- googeln ✅ – wird wahrscheinlich noch sehr lange bleiben
- simsen ⚠️ – fast schon verschwunden (kennt die junge Generation überhaupt nicht mehr)
- faxen ❌ – stirbt gerade aus
Jean-Pierre brachte es perfekt auf den Punkt:
„Ich denke, die junge Generation weiß gar nicht mehr, was Faxen bedeutet.“
Die Regel ist einfach: Wenn die Technologie verschwindet, verschwindet auch das Wort. Sprache ist ein lebender Organismus – sie wächst, verändert sich und manchmal stirbt etwas ab.
Achtung: „Faxen“ hat zwei Bedeutungen!
Hier ein lustiger Moment aus dem Workshop:
- „Ich faxe dir das Dokument.“ → Ein Fax senden (alte Technologie)
- „Mach keine Faxen!“ → Mach keine Dummheiten! (Umgangssprache)
Gleiche Schreibweise, völlig verschiedene Bedeutung. Solche Hononyme machen Deutsch so spannend!
Wie verändert KI gerade unsere Sprache?
Jetzt wird es richtig aktuell. Welche Wörter benutzen wir heute wegen Künstlicher Intelligenz?
- prompten (eine Anweisung an die KI geben)
- generieren (etwas erzeugen lassen)
- automatisieren
- ChatGPT fragen
Das deutsche Sprachsystem ist so flexibel, dass aus „prompten“ sofort weitere Wörter entstehen:
- vorprompten
- nachprompten
- umprompten
- weiterprompten
Verstehst du diese Wörter, obwohl du sie vielleicht zum ersten Mal liest? Genau das ist das Wunder der deutschen Vorsilben!
Wörter der Zukunft: Was kommt als Nächstes?

Im Workshop haben wir spielerisch neue Verben erfunden. Probier es selbst:
- Hologramm → hologrammieren?
- Avatar → avatarisieren?
- Quantum → quantisieren?
- TikTok → tiktoken?
Welches dieser Wörter könnte in 10 Jahren tatsächlich im Duden stehen? Niemand weiß es genau. Aber genau das macht Sprache so lebendig.
Englisch heute – Französisch früher
Eine wunderschöne Beobachtung von Jean-Pierre:
„Es ist erstaunlich, wie die englische Sprache eine so große Bedeutung in allen anderen Sprachen genommen hat. Es gab eine Zeit, da war es die französische Sprache.“
Genau! Wörter wie recherchieren, kommentieren, interviewieren, Engagement kommen aus dem Französischen. Sie sind heute völlig normales Deutsch.
Vielleicht sind in 50 Jahren chinesische Wörter genauso normal? Wer weiß…
Die wichtigste Erkenntnis aus dem Workshop
Wenn du eines aus diesem Artikel mitnimmst, dann bitte das hier:
Wer Deutsch wirklich versteht, versteht nicht nur Wörter – sondern auch, wie neue Wörter entstehen.
Sprache ist nicht eingefroren. Sie atmet, sie wächst, sie verändert sich jeden Tag. Und genau das macht sie so faszinierend!
Möchtest du auch live dabei sein?
Wenn du Lust hast, beim nächsten Workshop live mitzudiskutieren, neue Wörter zu erfinden und mit einer kleinen, persönlichen Gruppe Deutsch zu lernen – komm gerne dazu!
✅ Lebendige Diskussionen statt Frontalunterricht
✅ Echte Aha-Momente, die du nicht mehr vergisst
✅ Kleine Gruppe – jeder kommt zu Wort
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Und vergiss nicht: Trau dich, Deutsch zu sprechen! Auch wenn du noch nicht alles perfekt kannst – Sprache ist zum Sprechen da, nicht zum Verstecken.
Eine Frage an dich zum Schluss
Welches deutsche Wort hätte deine Großmutter garantiert nicht verstanden? Und welches Wort, das du heute jeden Tag benutzt, wird deiner Meinung nach in 30 Jahren verschwunden sein?
Schreib es mir gerne in die Kommentare! Ich freue mich auf deine Gedanken. 💬
Bis zum nächsten Mal – und denk dran: Sprache verändert sich ständig. Du musst nur den Mut haben, mitzumachen.
Dieter