Imperativ du ihr Sie – drei Sätze von einem ganz normalen Sonntag:
Nimm noch ein Stück Kuchen, mein Schatz, du bist so dünn!
Kinder, kommt jetzt ins Haus, das Essen wird kalt!
Kommen Sie herein, Frau Braun, der Kaffee ist schon fertig!
Oma, Mama und die Gastgeberin wollen alle drei dasselbe: Jemand soll etwas tun. Und keine von ihnen hat dafür ein neues Wort gelernt. Sie nehmen das Verb, das du längst kennst – und lassen etwas weg.
Kurz gesagt: Der Imperativ ist die Form des Verbs für Bitten, Tipps und Aufforderungen. Er hat drei Formen – für du, für ihr und für Sie – und alle drei kommen aus dem Präsens: du nimmst → nimm (ohne du, ohne -st), ihr nehmt → nehmt (ohne ihr), Sie nehmen → nehmen Sie (Verb nach vorn, Sie bleibt). Das Verb steht beim Imperativ immer ganz am Anfang.

Imperativ du ihr Sie: wie baust du ihn in zwei Schritten?
Du brauchst kein neues Wort. Du brauchst das Präsens und eine Schere.
- Nimm die Präsensform: du nimmst, ihr nehmt, Sie nehmen.
- Schneid weg, was stört: bei du das Pronomen und die Endung -st; bei ihr nur das Pronomen; bei Sie nichts – da drehst du nur um.
| nehmen | kommen | trinken | |
|---|---|---|---|
| du | du nimmst → Nimm! | du kommst → Komm! | du trinkst → Trink! |
| ihr | ihr nehmt → Nehmt! | ihr kommt → Kommt! | ihr trinkt → Trinkt! |
| Sie | Sie nehmen → Nehmen Sie! | Sie kommen → Kommen Sie! | Sie trinken → Trinken Sie! |
Warum fällt das du weg? Weil jeder weiß, wen du meinst – du schaust die Person ja an. Warum bleibt das Sie? Weil nehmen allein wie der Infinitiv aussähe, und weil Sie höflich ist. Ohne Sie klingt es wie ein Schild an der Wand.
Wer die Präsensformen noch einmal sehen möchte: Sie stehen in Personalpronomen und Verbkonjugation. Wer sie kann, kann auch den Imperativ.
Nimm, gib, lies: was passiert mit dem Vokal?
Hier liegt die einzige kleine Falle. Manche Verben ändern im Präsens bei du ihren Vokal: nehmen – du nimmst, geben – du gibst, lesen – du liest. Diese Änderung bleibt im Imperativ: Nimm! Gib! Lies! Sprich! Iss! Sieh! Hilf!
Andere Verben bekommen bei du Punkte: fahren – du fährst, schlafen – du schläfst, laufen – du läufst. Diese Punkte gehen im Imperativ weg: Fahr! Schlaf! Lauf! Nicht Fähr!, nicht Läuf!
Das ist schon alles. Welche Verben den Vokal wechseln, steht in Verben mit Vokalwechsel. Für den Imperativ reicht ein Satz: Das i bleibt, die Punkte gehen.
Imperativ du ihr Sie bei sein und bei trennbaren Verben
Sein ist der einzige echte Sonderfall – wie fast immer: Sei leise! Seid nett! Seien Sie nicht so streng! Diese drei Formen lernst du einfach auswendig, am besten mit einem Satz aus deinem Leben. Mehr zu sein und haben findest du in Die Verben sein und haben.
Trennbare Verben machen, was sie immer machen: Das kleine Wort geht ans Ende. Aufstehen → Steh auf! Anrufen → Ruf mich an! Zumachen → Machen Sie bitte die Tür zu! Wie das genau funktioniert, zeigt Trennbare Verben im Deutschen.
Der Merksatz
Du: weg mit du und -st. Ihr: weg mit ihr. Sie: Verb nach vorn, Sie bleibt. Das i bleibt, die Punkte gehen.
Vier kurze Sätze für den Kühlschrank. Wer sie einmal laut gesagt hat, hört den Fehler bei Nehm! sofort.
Beispiele mit dem Imperativ du ihr Sie, die hängen bleiben
- Gib dem Hund nicht dein Brot, Max, er ist schon dick genug! (du gibst → gib)
- Lies mir noch eine Geschichte, Papa, nur eine ganz kleine! (du liest → lies)
- Sieh mal, der Nachbar tanzt schon wieder im Garten! (du siehst → sieh)
- Fahr langsam, Oma, das ist ein Fahrrad und kein Auto! (du fährst → fahr – die Punkte gehen)
- Lauf nicht so schnell, Paul, der Bus kommt erst in zehn Minuten! (du läufst → lauf)
- Nehmt eure Mützen, Kinder, es schneit heute schon wieder! (ihr nehmt → nehmt – kein Vokalwechsel)
- Warten Sie bitte hier, Ihr Taxi kommt in fünf Minuten. (Sie warten → warten Sie)
- Steh auf, Tim, der Kuchen ist fertig und Oma wartet! (aufstehen → steh … auf)
Übungen: Imperativ du ihr Sie
Setz den Imperativ ein. Erst die Person, dann das Verb. Die Lösungen stehen darunter.
- ___ langsam, bitte, ich lerne erst seit drei Wochen Deutsch. (sprechen, du)
- ___ den Brokkoli, Lena, dann gibt es Eis zum Nachtisch. (essen, du)
- ___ endlich, Bello, um Mitternacht spielt niemand mehr Ball! (schlafen, du)
- ___ nett zu Tante Erna, Kinder, sie bringt wieder Kekse mit! (sein, ihr)
- ___ Sie ruhig noch ein Stück, Herr Roth, der Kuchen ist von Oma. (nehmen, Sie)
Lösungen: 1. Sprich (du sprichst – das i bleibt) · 2. Iss (du isst – das i bleibt) · 3. Schlaf (du schläfst – die Punkte gehen) · 4. Seid (Sonderfall sein) · 5. Nehmen (Sie nehmen → Nehmen Sie)
Häufige Fragen zum Imperativ du ihr Sie
Heißt es „Nimm!“ oder „Nehme!“?
Nimm! Die Form nehme gehört zu ich (ich nehme) und ist kein Imperativ. Beim Imperativ mit du hat das Verb meistens gar keine Endung: Komm! Trink! Geh!
Wann hat der Imperativ mit du doch ein -e?
Vor allem, wenn der Verbstamm auf -t oder -d endet: Warte! Rede! Arbeite! Sonst klingt das Wort zu hart. In alten Liedern hört man auch Komme! – heute sagt man Komm!
Ist der Imperativ unhöflich?
Nein, das macht der Ton. Mit bitte, mal oder doch wird er freundlich: Komm doch rein! Warten Sie bitte hier. Das Ausrufezeichen ist nicht Pflicht – ein Punkt klingt ruhiger.
Wer den Imperativ noch ausführlicher lesen möchte, findet ihn in unserem ausführlichen Überblick. Und damit es sitzt: Auf unserem Telegram-Kanal Trau-Dich-Deutsch läuft jeden Tag eine kleine Frage – ein Satz, eine Lücke, drei Sekunden.
Komm dazu
Der Workshop findet jeden Samstag um 9:00 Uhr online statt – kostenlos, interaktiv, und mit genau dieser Art von Fragen. Kein Frontalunterricht: Die Regel kommt immer erst, wenn die Teilnehmer sie selbst gefunden haben.
Bis bald – und trau dich, Deutsch zu sprechen!
von Dieter Jeromin